Beitrag zur Vogelgrippe

Da wir sehr daran interessiert sind zu aktuellen Themen fachliche Beiträge zu leisten, und die Berichterstattung in den Medien derzeit alles andere als fachlich und professionell ist, veröffentliche ich hier gerne  eine Stellungnahme eines sehr versierten Kollegen. Diese trifft den Nagel auf den Kopf und regt hoffentlich dazu an, das auch Sie versuchen das in den Medien verbreitete differenzierter zu sehen und ein wenig mehr zu hinterfragen. Bei Fragen zu diesem Thema stehen wir sehr gerne zur Verfügugng.
Herzlichsten Dank an S. Lorenzen!

Liebe Beobachter
Schon wieder schlägt ein hochpathogenes Vogelgrippe-Virus zu: H5N8 heißt es dieses Mal. Und schon wieder geben Politiker mit sorgenschweren Gesichtern Auskunft über den Ernst der Lage, und reflexartig nimmt das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) von der Insel Riems (bei Rügen) wieder die Wildvögel als gefährliche Überträger des Virus ins Visier. Und endlich, im Umkreis von Rügen wurde eine Krickente geschossen, die H5N8 in sich trug. „Krickenten gelten als äußerst mobil und legen Entfernungen von bis zu 8000 Kilometer zurück. Sie leben nach Angaben von Minister Backhaus in großer Zahl am Baikalsee in Sibirien. Tiere von dort seien in Südkorea beobachtet worden und sie flögen auch bis nach Europa.“ So das Schreckensszenario gezeichnet vom Agrarministerium Meck-Pomm. Südkorea gilt zurzeit als das am stärksten von H5N8 betroffene Land. In Europa sei H5N8 kurz nacheinander auf Geflügelbetrieben in Meck-Pomm, in den Niederlanden und in Südengland festgestellt worden. In der letzten Woche noch sinnierte Prof. Dr. Mettenleiter vom FLI: Wildvögel könnten das Virus mit etappenweisen Neuinfektionen auf dem Zuge von Südkorea quer über Asien erst nach Deutschland und in die Niederlande gebracht haben, und über Island könnten andere Vögel das Virus nach England gebracht haben. Dieser Quatsch vom FLI ist inzwischen vom Netz genommen worden, aber Wildvögel bleiben noch immer im Fokus, der geschossenen Krickente sei Dank.

Die stümperhafte Epidemiologie des FLI ist nicht zum Lachen geeignet, eher zum Weinen, denn sie richtet viel Schaden an. Wie früher schon bei H5N1 sind es wieder Nichtregierungsorganisationen, die Licht ins epidemiologische Dunkel bringen. Das Wissenschaftsforum Aviäre Influenza (WAI) hat herausgefunden, dass in Südengland H5N8 auf der Entenfarm Driffield gefunden wurde, die zum Unternehmen Cherry Valley Farms Ltd gehört, das nach eigenen Angaben enge Handelsbeziehungen zu Entenfarmen im H5N8-Epidemie-Gebiet Südkorea unterhält. In Deutschland unterhält das Unternehmen eine Entenfarm in Wriezen (Brandenburg). Die kürzeste Straßenroute von Driffield nach Wriezen führt unmittelbar am niederländischen Ort Hekendorp vorbei, wo der von H5N8 betroffene Betrieb liegt. Auf dem Weg zwischen Ostasien und Deutschland wurde trotz 10.000 Proben im Zuge des Wildvogelmonitoring seit 2006 kein infizierter Wildvogel gefunden, auch nicht an großen Rastplätzen. Fazit: Die Spekulationen des FLI sind haltlos, die Geflügelindustrie (samt ihren Transporten, z.B. zu Schlachthöfen) müssen ins Visier der Epidemiologen genommen werden, nicht die Wildvögel.

Ein Wunder wäre, wenn das FLI die Erkenntnisse vom WAI nicht schon selbst ermittelt hätte. Was könnte das FLI dann am Festhalten der Wildvogelhypothese zur Verbreitung von H5N8 bewegen? Auf der Suche nach einer Antwort würde ein Detektiv zunächst ein geeignetes Motiv suchen. Ein solches Motiv gibt es in der Tat: Das Image der deutschen Geflügelindustrie soll nicht beschädigt werden, und das gelingt am besten, wenn Wildvögel als Verbreiter von H5N8 hingestellt werden. Als Gegenleistung wurde das FLI schon früher, nach dem H5N1-Theater, mit Forschungsmillionen geradezu überschüttet. Das wäre doch ein Motiv, noch einmal Forschungsmillionen zu bekommen. Warten wir ab, ob an dem Motiv etwas Wahres dran ist. Eine andere Erklärung könnte sein, dass die Forscher im FLI einfach nur strohdumm sind. Damit ist nicht zu rechnen.

Mit ernüchtertem Gruß
S. Lorenzen