Erde erlebt sechste große Aussterbe-Welle

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Um sein Überleben kämpfen Vogelschützer seit Jahren: Der auf La Reunion endemische Newton-Raupenfänger rangiert unter den zehn seltensten Vogelarten der Erde.

Die Menschheit erlebt gegenwärtig einen regelrechten Tsunami des Aussterbens von Tierarten, die in ihrem Ausmaß die vorangegangenen fünf großen Aussterbe-Wellen in der Erdgeschichte in den Schatten stellen könnte. Zu diesem dramatischen Ergebnis kommt eine neue Studie aus den USA. Der US-Wissenschaftler Malcolm McCallum verglich für seine in Biodiversity Conservation publizierten Untersuchung das Ausmaß des Artensterbens seit 1800 beziehungsweise 1980 mit der großen Aussterbe-Welle am Ende der Kreidezeit vor etwa 65 Millionen Jahren, der auch die Dinosaurier zum Opfer fielen. Damals starben wahrscheinlich durch einen Asteroiden-Einschlag rund die Hälfte aller Wirbeltier-Gattungen und mehr als 70 Prozent der Wirbeltier-Arten aus. Für die Berechnungen zur gegenwärtigen Welle des Artensterbens griff der Autor auf die Daten der 2012 veröffentlichten Roten Liste der Internationalen Naturschutzunion IUCN zurück.
In verschiedenen statistischen Szenarien berechnet die Studie die Aussterberate sowohl auf Basis der tatsächlich seit dem Jahr 1500 bzw. 1980 ausgestorbenen Arten als auch unter Einbeziehung der Arten, die in der IUCN-Roten Liste in einer der Bedrohungskategorien von Ausgestorben bis zu Gefährdet rangieren und der Gruppe, über die nicht ausreichend Daten vorliegen (data deficient „dd“).

Die Ergebnisse sind ein Schrei nach Fortschritten im Artenschutz.
Die Ausrottung der Wirbeltierarten hat sich seit dem Jahr 1500 24- bis 85-fach schneller ereignet als während des Massensterbens in der Kreidezeit“, errechnete McCallum. Seit 1980 sei das Ausmaß des Aussterbens von Arten förmlich explodiert, warnt der Wissenschaftler.
Werden die gegenwärtig auf der Roten Liste geführten Arten sowie die „dd“-Arten für diese Berechnung als ausgestorben erachtet, erreichte das Ausmaß des Artensterbens sogar das 8.900- bis 18.500-fache des geschätzten Kreidezeit-Sterbens. „Diese extremen Werte und die hohe Geschwindigkeit, mit der die Biodiversität von Wirbeltieren zurückgeht, sind vergleichbar mit den Verheerungen früherer Aussterbe-Wellen.“ Sollte das Niveau des Artensterbens anhalten, sei dies ausreichend, ganze Wirbeltier-Gruppen in weniger als einem Jahrhundert auszurotten.

Für die Gruppe der Vögel errechnete McCallum auf Basis der seit 1500 ausgestorbenen Arten ein um 11 bis 78 Mal größeres Ausmaß des Artensterbens gegenüber des Kreidezeit-Sterbens. Unter Einbeziehung der Rote-Liste sowie der „dd“-Arten ergibt sich ein um 92- bis 793-fach größeres Ausmaß des Post-1500-Artensterbens gegenüber dem Kreidezeit-Ereignis. Hält das Artensterben im gleichen Tempo an, könnten alle Vogelarten der Studie zufolge in 23.400 bis 38.500 Jahren ausgestorben sein — abhängig davon, ob die Aussterberate seit 1980 oder seit 1500 zugrunde gelegt wird. „Wir rotten Tiere schneller aus, als es selbst der katastrophale Asteroiden-Einschlag zum Ende der Kreidezeit vermochte. Diese rasanten Verluste sind ohne Beispiel“, bilanziert der Autor.

Beitrag: Thomas Krumenacker

Weitere Informationen

  • McCallum, M.L. 2015: Vertebrate biodiversity losses point to a sixth mass extinction. Biodiversity and Conservation. DOI 10.1007/s10531-015-0940-6