Warum singen manche Vogelarten im Herbst?

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Unter unseren heimischen Arten fällt vor allem das Rotkehlchen durch intensiven Herbstgesang auf.
© Jan Goedelt

 

Singvögel nutzen ihren Gesang allgemein im Frühjahr zur Partnerfindung und Revierabgrenzung. Von einigen Arten ist jedoch auch eine Gesangsaktivität im Herbst bekannt, deren Gründe oftmals nicht auf der Hand liegen. Im internationalen Wissenschaftsblog SciLogs wurde den Geheimnissen des Herbstgesanges nun anhand von Beispielen amerikanischer Vogelarten auf den Grund gegangen. Demnach können drei verschiedene physiologische Mechanismen für den Herbstgesang von Vogelarten in den gemäßigten Breiten verantwortlich sein.

Der Star ist in der Paläarktis von West- und Nordeuropa bis zum Baikalsee verbreitet, wurde jedoch unter anderem in Nordamerika eingebürgert. Eingebürgerte Vögel zeigen jedoch oft kein oder nur eingeschränktes Wanderverhalten, sodass sich die Feststellungen in Amerika vermutlich nur bedingt mit europäischen Verhältnissen vergleichen lassen.
Nachdem die Vögel ihre jährliche Mauser abgeschlossen haben, kann bei nordamerikanischen Staren ein Anstieg des Testosteronspiegels festgestellt werden. Ein erhöhter Wert des Sexualhormons Testosteron im Blutplasma steht bei vielen Vögeln mit Gesang und territorialem Verhalten in Zusammenhang. Beim Star wird angenommen, dass die Brutsaison der Vögel bereits in den Herbstmonaten beginnt und die Stare versuchen, die besten Brutplätze zu besetzen. Während Stare im Süden der USA ganzjährig brüten, wird dieser Vorgang in nördlicheren Breiten und höheren Lagen jedoch offenbar durch die geringere Tageslänge unterdrückt. Erst im Frühjahr setzt das Verhalten mit steigender Tageslänge wieder ein. Ein ähnliches Verhalten ist für die dort ebenfalls eingebürgerten Haussperlinge bekannt.

Ein weiterer Herbstgesang erklärender physiologischer Mechanismus ist bei der Dachsammer zu finden. Im Gegensatz zu Staren oder Haussperlingen sind Dachsammern in Herbst und Winter nicht photosensitiv, was bedeutet, dass sie physiologisch keinerlei Reaktion auf eine Änderung der Tageslänge zeigen. In der Regel führt eine Verlängerung der Tageslänge zu einem Anstieg des Testosteron- oder Östrogenspiegels im Blut der Vögel. Diese Konzentrationen führen zum territorialer Aggression und Gesangsaktivität. Wissenschaftliche Studien haben jedoch gezeigt, dass Gesang — allerdings ohne territoriale Aggressivität — bei Dachsammern offenbar unabhängig vom Hormonspiegel der Vögel auftritt und sowohl Männchen als auch Weibchen und Jungvögel ganzjährig singen. Die Gründe liegen in diesem Fall im Sozialverhalten der Vögel. Dachsammern finden sich im Winter zu großen Schwärmen zusammen. Der Gesang wird dabei offenbar zur Feststellung der Rangordnung innerhalb der Trupps genutzt.

Ein dritter physiologischer Mechanismus wurde erst kürzlich bei Singammern entdeckt. Singammern sind zwar nah mit Dachsammern verwand, zeigen jedoch ein komplett unterschiedliches Verhalten. Sie zeigen kein Wanderverhalten und bilden keine Trupps. Stattdessen finden sich zwei bis drei Vögel geschlechtsunabhängig zusammen, um gemeinsame Winterreviere zu bilden, die nicht unbedingt den Brutplätzen entsprechen müssen. Ob es sich dabei zumindest teilweise um Partner oder Verwandte handelt ist bislang nicht geklärt. Singammern verhalten sich das ganze Jahr über territorial und grenzen auch ihre Winterreviere durch Gesang ab. Während der Herbstmonate konnte bei Singammern ein Anstieg des Steroidhormons DHEA festgestellt werden. In der Regel ist dieses Hormon bei Vögeln inaktiv und kaum nachweisbar, es kann jedoch durch bestimmte Enzyme aktiviert werden, was bei Singammern im Herbst offenbar der Fall ist und zu einer gesteigerten Gesangsaktivität führt. In Experimenten konnte die Gesangaktivität durch Zugabe oder biochemische Deaktivierung von DHEA gesteigert oder gehemmt werden. Auch bei der Wanderdrossel wird dieses Phänomen als Erklärung für den intensiven Herbstgesang der Art vermutet.

Herbstgesang bei Singvögeln kann also unterschiedlich begründet sein. Neben einer bereits im Herbst beginnenden und in den Wintermonaten durch geringe Tageslänge unterdrückten Brutsaison kann der Gesang der Feststellung der Rangordnung in winterlichen Trupps dienen oder durch bislang wenig erforschte hormonelle Veränderungen hervorgerufen werden. Es ist anzunehmen, dass es noch weitere physiologische Mechanismen für das Phänomen Herbstgesang gibt. Auch die Gründe für spezielle Hormonanreicherungen sind oftmals noch unbekannt.

Der Frage wann unsere Singvögel singen, wurde anhand der Daten von ornitho.de auch in der Januar-Ausgabe 2014 der Zeitschrift „DER FALKE“ nachgegangen. Den Beitrag kann man hier kostenlos herunterladen.

Quelle: SciLogs.com, 1.11.2015

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